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Montag, 16. April 2012

Ruhebereich

Wie ihr vielleicht schon wisst, gibt es zumindest bei den ICEs verschiedene Bereiche im Zug.

Beispielsweise für die Großraumwagen. So ähnlich wie ein Großraumbüro eben - viele Menschen in einer möglichst intelligenten Anordnung so zusammenpferchen, dass maximale Auslastung möglich ist. Im Gegensatz zum Flugzeug haut man sich übrigens als Normalgewachsener nicht ständig die Knie an.

Die Großraumwagen gibt es in zwei Varianten. Einmal die normale Variante. Hier kann man sich ganz normal unterhalten, Familien mit Kindern sind willkommen und nervöse Urlauber sind hier gut aufgehoben. Immerhin weiß jeder, der sich in diesen Wagen begibt, dass er oder sie an Ruhe gar nicht erst zu denken braucht. Die superwichtigen Business-Typen, Sales-Bitches und andere Machermenschen mit Telefonflat am Ohr und fehlender Kinderstube sind hier ebenfalls sehr willkommen.


Und dann gibt es die Zen-Zone. Den Ruhebereich. Also der Wagen, der für die Menschen gedacht ist, die die sanfte Fahrt im Tiefschlaf verbringen wollen. Oder die einfach in Ruhe mal so lesen möchten, dass sie nicht jeden Satz zweimal beginnen müssen (ja es gibt Sätze mit mehr als 160 Zeichen). Gelegentlich sind hier auch ein paar Langsamtipper und Hobbyfotografen unterwegs. Im Großen und Ganzen also eine Gruppe von Menschen, die weder in Partylaune noch ständig im Stress sind. Die Normalen halt.

Die Ruhebereiche sind auch deutlich gekennzeichnet: Ein durchgestrichenes Mobiltelefon und ein Finger vor dem Mund mit "Psst" daneben. Man möchte also sagen, dass der Durchschnittsbegabte - also der, der auch den richtigen Wagen am Bahnhof finden kann - diese Zeichen verstehen müsste: Telefon lautlos und Gespräche mit mehr oder weniger gesittetem Tonfall.

Leider greift in letzter Zeit aber eine große Seuche um sich. Nämlich die Seuche der Abwanderung von "Normalbereich" in "Zen-Bereich". Scheinbar haben alle Schwätzer dieser Welt genau ein Ziel: Den Ruhewagen. Selbstverständlich mit Handy, auf Lärm optimierte Laptop-Tastaturen und selbstgefälligem Gelaber oder Gockelverhalten gegenüber jungen Assistentinnen.

Ok, jeder macht Fehler. Jeder übersieht mal etwas. Deshalb können die Krachmacher ja auch freundlich auf ihren Fehler hingewiesen werden. In einer normalen Welt würde der Krachmacher sich umgehend entschuldigen, sein Tun einstellen und in Zukunft etwas rücksichtsvoller sein. In der deutschen Welt aber läuft das anders: Der Hinweisgeber wird zusammengeschissen, ignoriert oder als Witzfigur dargestellt. Das Wort "Entschuldigung" ist im Sprachgebrauch der meisten Menschen - gerade der Business-"Elite" - schlichtweg gestrichen worden. Es ist eben genau das passiert, was mit der Höflichkeit, Rücksichtnahme und Sozialverhalten ebenfalls schon passiert ist.

Und das sind dann auch gleich die Menschen, die sich bei einer angekündigten Verspätung von 3min in die Hose machen und allesamt deshalb angeblich einen superwichtigen Geschäftstermin verpassen würden. Von Zeitplanung und Pufferzeiten haben diese Jungs und Mädels noch nie was gehört.

Übrigens wurden die 3min dann während der Fahrt wieder aufgeholt. Aber statt dem zuvor belästigten Zugbegleitern jetzt auch mal die passende Entschuldigung für das Fehlerverhalten zukommen zu lassen, wird einfach fleißig weitergemeckert.